Patriks: Die Mutti ist tot

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Papa schenkte uns einen kleinen Hund. Einen munteren und kommunikativen Jack-Russel-Terrier. Der Kleine legte es darauf an, alles zu jagen, was sich bewegte. Besonders gerne hetzte er Hühnern und fahrenden Autos hinterher. In Windeseile war der Hund, wir nannten ihn Uschi, im ganzen Dorf bekannt. Entweder die direkten Nachbarn hatten mal wieder den Tot eines abgehetzten Huhnes zu beklagen oder aber eine nicht so sichere Autofahrerin, vom Terrier gestellt, traute sich nicht weiterzufahren. Es kam zu fast täglichen Reklamationsgesprächen. Wir bezahlten das Huhn und es kam auf den Grill. Wir waren eingespielt.

Im März starb der Opa und Oma versuchte, den Schmerz so zu bearbeiten, dass sie dem Opa und dem Dorf (!) ein schmuckes Grab als Erinnerungsstätte schenkte. Ihr besonderes Augenmerk galt der Blumenauswahl und deren Blühfreudigkeit. Noch früh im Jahr und Nachtfröste waren zu erwarten, trainierte sie die Blumen auf die raue Grabeswitterung hin.  Am späten Vormittag stellte sie alle Pflanzen, die im Blumenkeller nächtigten, in den Garten. Gegen 16 Uhr wurden sie wieder eingekellert. Dieses Härtetraining, täglich um 10 Minuten verlängert, absolvierten die Schützlinge der Oma etwa drei Wochen. Der Tag der Tage nahte. Die Oma packte früh morgens ihren Bollerwagen mit frischer, geschwärzter Blumenerde und der Blühpracht. Sie zog stolz bei uns am Haus vorbei in Richtung Friedhof.

Gegen Mittag ging Uschi wie üblich auf Jagt. Die Reifen eines LKWs hatten es ihr angetan. Doch diesmal saß kein zitterndes, ängstliches Weiberl am Steuer, sondern ein brummiger Fahrer, der die Attakte des Hündchens nicht einmal realisierte. Es kam, wie es kommen musste.

Heulend und tieftraurig rannte ich zur Oma auf den Friedhof. „Oma, Oma, die Uschi ist tot.“ Die Oma mit Entsetzten im Gesicht, schmiss sich auf die blühende Grabestorte, schrie und rotierte wie die Blätter eines Hubschraubers. Dabei zerdrückte sie mit ihrem Körpergewicht die austrainierten Olympioniken. Andere häckelnde Witwen eilten herbei, um der Oma zu helfen. Eine von ihnen frage bestürzt, was denn passiert sei. Die Oma jammerte und wimmerte: „Die Mutti ist tot“.

„Hey??? Oma, nein, nicht die Mutti, die Uschi ist tot. Sie wurde überfahren.“

Die Oma rang um Fassung, schaute mich an und sagte „Gott sei Dank“, drehte sich um und begann mit der Restaurierung des zuvor zerbombten Grabes.

Welch ein Trost für mich!

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